Marderschaden in Manhattan

Mein Bruder Bobo und ich waren Ende Dezember auf dem Weg zurück von den Miami nach New York, von wo aus wir wieder gen Heimat wollten. Wir waren bereits geschlagene zwei Tage in unserem Mietwagen unterwegs.

Etwas abgekämpft von der langen Fahrt und vor allem vom Temperaturunterschied beschlossen wir, noch ein letztes Mal zu übernachten. Bis zum Flughafen in New York hielten wir einfach nicht mehr durch. Bobo nahm also die nächste Ausfahrt und stoppte am erstbesten und leider auch einzigen Motel. Es war nicht gerade besonders einladend, dafür stimmten der total niedrige Zimmerpreis und die wenigen hier parkenden Klapperkisten mit der maroden und flackernden Neonreklame völlig überein.

Motel Übernachtung

Da unsere Mägen knurrten, statteten wir sofort nach dem Einchecken der schräg gegenüberliegenden Tankstelle älteren Datums einen Besuch ab. Drei mehr als gut genährte „Ladenhüter“ begrüßten uns mit einem etwas gelangweilten, aber freundlichen „Howd`juduin“. Zielsicher griff ich in einem der Kühlregale nach Frischmilch. „Die würde ich nicht nehmen“, hörte ich von der Theke her.

In Amerika gibt es Milch mit Vitamin D, mit Vitamin A und D, mit oder ohne Cholesterin, und das alles natürlich noch jeweils in drei verschiedenen Fettstufen. Von der Halbliterverpackung bis hin zur Familienpackung in Reservekanistergröße ist alles erhältlich und erschwert die Auswahl zusätzlich.

Ich stellte die Vitamin D-Milch zurück und nahm eine andere aus dem Fach. „No, Sir, keine gute Wahl“, meinte Verkäufer Nummer zwei. Da ich nicht zum Diskutieren aufgelegt war, befolgte ich leicht genervt diesen Rat, griff ein weiteres Mal in den Kühlschrank und blickte mit fragenden Augen in Richtung der Molkereiprodukte-Fachverkäufer. Alle drei schüttelten den Kopf. „Was gibt es denn jetzt schon wieder auszusetzen?“, fragte ich. Bobo fasste sich als Erster wieder und schnappte sich ohne Worte zwei knallrote, multi-aromatische Produkte der Softdrinkindustrie. Der Inhalt solcher Getränke ist meist mehr als fragwürdig.

In Deutschland zum Beispiel darf man Zitronenlimonade mit chemischen Aromen herstellen, wogegen ein Zitronen-Reiniger immer echte Zitronen enthalten muss.

Mein Bruder legte ein paar Dollar auf den Tresen und verschwand mit mir nach draußen in die Kälte. In unserem Zimmer angekommen, stellten wir fest, dass man das Getränk tatsächlich nicht trinken und die Türe nicht von innen verriegeln konnte, zu unserer Beruhigung aber auch nicht von außen. Uns war nach einem langen Tag auf dem Highway alles egal und wir fielen todmüde ins Bett.

Am nächsten Morgen standen wir früh auf, gaben unsere mehr oder weniger unbenutzten Zimmerschlüssel ab und wollten unsere Fahrt fortsetzen. Auf dem Parkplatz befand sich direkt neben unserem Fahrzeug eine riesengroße, knallig grüne Pfütze. „Schau dir das an, an dem Auto neben uns ist die ganze Kühlflüssigkeit ausgelaufen. Das war bestimmt ein Marder. Diese umtriebigen Biester kommenauch überall hin!“, sagte ich, obwohl ich gar nicht sicher war, ob es in Nordamerika überhaupt Marder gab.

„Der arme Kerl“, entgegnete Bobo, „der wird sich sauber ärgern, wenn er nicht mehr weiterfahren kann.“ Aber wir mussten weiterfahren, unser Flieger würde nämlich sicher nicht auf uns warten. Ins Gespräch vertieft, erreichten wir zügig über die Autobahn den Bundesstaat New York. Dann aber auf der mautpflichtigen Verrazano- Brücke, die sich über 1300 Meter bis nach Brooklyn spannt, verstummte Bobo plötzlich. „Riechst du nichts?“, fragte er mich. „Was riechen? Was meinst du?“ entgegnete ich „und wenn I wars ned ! Ja da stinkts,  unser Auto des raucht ja!“ bekräftigte mein Bruder. Jetzt konnte ich es auch riechen und vor allem aber sehen.

Verrazano Brücke

 

Aus unserer Motorhaube qualmte es weiß und heftig. Ein kurzer Blick auf die Temperaturanzeige bestätigte den Verdacht. Unser Wagen war heißgelaufen, der Zeiger bis zum Anschlag im roten Bereich. Ich war leicht geschockt. Dieser verdammte Marder, falls es ihn überhaupt in Nordamerika gab, war in heimtückischer Art und Weise nicht über Nachbars Karre, sondern über unseren Kühlerschlauch hergefallen. Die Frostschutzlache hatte er nur so raffiniert unter dem Nachbarauto platziert, um von seinem eigentlichen Tatort abzulenken. Was für ein ausgebufftes Nagetier, ein „Kühler-Profikiller“ sozusagen.

Bobo und ich fuhren gerade auf der linken Spur und wegen des dichten morgendlichen Berufsverkehrs konnten wir nicht einfach so rechts ranfahren. Uns blieb also nichts anderes übrig: Bobo drückte auf die Warnblinkanlage und stoppte mitten auf der Brücke. Augenblicklich begann ein einzigartiges Hupkonzert. Eine Autopanne ausgerechnet auf einer der längsten Brücken der Welt. Beim Bau musste sogar die Erdkrümmung berücksichtigt werden. Leichte Panik ergriff mich. Wasser. Wir müssen Wasser nachfüllen, dachte ich, aber woher nehmen, wenn nicht stehlen … Bobo riss mich aus meinen Gedanken: „Mach ein Foto, nimm deine Kamera raus und mach eine Aufnahme, zu Hause lachen wir bestimmt darüber.“

„Worüber sollen wir denn daheim lachen? Wir verpassen das Flugzeug und außerdem müssen wir auch noch für einen neuen Motor bezahlen“, sagte ich und sprang aus dem Fahrzeug. Dann der nächste Schock, die Brücke schwankte dermaßen unter der Last der an uns vorbeirauschenden Fahrzeuge, dass ich richtig Angst bekam, herunterzufallen. Jetzt war auch mein Bruder aus dem Wagen gekommen mit seinem knallroten Drink von der Tankstelle. Der hat vielleicht Nerven, dachte ich, der macht jetzt erst mal Pause. „Soll ich noch ein paar Butterbrezen dazuschmieren, dann können wir ja gleich Brotzeit machen“, raunzte ich in meiner Verärgerung über das Autodach hinweg.

Bobo öffnete kommentarlos die Motorhaube und goss in aller Seelenruhe sein giftig-rotes Getränk in den Kühler. Gute Idee, das sieht auch irgendwie nach Kühlmittel aus, versuchte ich mich zu beruhigen, vielleicht bemerkt das Auto den Unterschied ja gar nicht. Wir konnten den Wagen tatsächlich wieder starten, fuhren aber nur wenige Meter, bis wir über den Mittelpunkt der Brücke waren und ließen ab jetzt unseren Mietwagen abwärts rollen. Wieder, wenn auch nur langsam, in Bewegung zu sein, beruhigte mich. Es ging leicht, aber scheinbar endlos bergab und das Gehupe verstummte langsam. Bobo startete erneut den Motor, gab vorsichtig Gas und verließ wegen der doch erheblichen Geschwindigkeitsdifferenzen mit unseren automobilen Kollegen die Autobahn.

Wir erreichten Brooklyn, aber leider sah die Gegend nicht besonders geeignet für einen ungeplanten Aufenthalt aus. Alles wirkte ziemlich heruntergekommen und verödet. Weiterfahren, einfach weiterfahren, wir müssen es bis zum Flughafen schaffen, und wenn unser fahrbarer Untersatz dabei draufgeht. Was er leider auch umgehend tat, der Motor verabschiedete sich unter großem Qualmen und Getöse für immer von uns. Seine Todesursache wird vermutlich nie mehr ganz zu klären sein.

Brooklyn Skyline

War es der akute Wassermangel oder letztendlich Bobos kohlensäurehaltige, rote Brause, die ihm den Rest gab? Egal, wir saßen in der Patsche. Die wenigen vorbeikommenden Autos reagierten nicht auf unsere improvisierten Versuche, per Handzeichen unsere missliche Lage zu erklären, und fuhren einfach an uns vorbei. In diesem Viertel traute anscheinend keiner dem anderen über den Weg.

 Der US-amerikanische Automobilclub AAA empfiehlt bei Pannen dieser Art, sich im Auto einzuschließen, eine weiße Fahne oder einen Zettel an die Antenne zu spießen und auf die Polizei zu warten.

Das funktionierte nach einiger Zeit sogar, aber auch die Cops blieben in ihrem Wagen sitzen und öffneten ihre Scheiben nur um den Bruchteil eines Millimeters, verständigten aber zu unserer Freude wenigstens einen Abschleppwagen, eine Großfahndung nach dem meiner Meinung nach höchst kriminellen Marder gaben sie aber leider nicht heraus.

Wir erklärten dem „Tow Service“ unsere Lage, und nach minutenlangen Funkgesprächen mit seiner Zentrale war dann endlich auch geklärt, dass unser Autoverleih die Kosten fürs Abschleppen erst mal übernehmen würde. Ich sah uns schon im Kreuzverhör des Verleihers, bei dem wir vor drei Wochen unseren Wagen in Empfang genommen hatten: „Wieso haben Sie nicht besser auf die Temperatur geachtet Herr Huber, und sind so lange weitergefahren, bis alles zu spät war? Wissen Sie eigentlich, wie viele Tausende von Dollar ein neuer Motor kostet? Sie waren doch KFZ-Mechaniker, wie sind Sie überhaupt durch die Prüfung gekommen?“ Diese und ähnlich dämliche Fragen spukten mir im Kopf herum.

Ich beneidete Bobo um seine Gelassenheit. Mit einem etwas mulmigen Gefühl rollten wir auf den Parkplatz des Autoverleihs. Der umzäunte Innenhof kam mir jetzt vor wie ein Gefängnis und ich fühlte mich wie ein Verbrecher, der zum Verhör gebracht wird. Mit gesenktem Kopf betrat ich als Erster das Büro, ich wollte schon fast meine Hände für die Handschellen hinhalten. „Tut uns Leid, dass Sie solche Umstände mit einem unserer Autos hatten“, begrüßte uns eine überaus freundliche Dame, die uns bereits erwartet hatte. „Sie können gerne noch für die restlichen sechs Vertragsstunden ein Ersatzfahrzeug von uns bekommen.“ Dankend und völlig überrascht lehnte ich ab. „Dann ziehe ich Ihnen natürlich den Fehlbetrag sofort von Ihrer Rechnung ab.“ Ich war geplättet ob der unerwarteten Wendung. So liebte ich Amerika, das Land der unbegrenzten Versicherungsmöglichkeiten.

Meine Stimmung war wieder bestens, die Jungs vom Autoverleih brachten uns noch zum Flughafen, und wir hatten plötzlich wieder ausreichend Zeit bis zu unserem Abflug und konnten endlich etwas Anständiges zu uns nehmen. „Hey dees is ja Super“, drehte sich Bobo zu mir herüber, „die Milch da, schau – die ist noch gar nicht abgelaufen.“

Veröffentlicht in Roadstories